Pilotprojekt in einer Grundschule mit inklusiver Ausrichtung mit einer Besuchshündin - tiergestütztes Counseling

 „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, das erkannte schon der Philosoph Augustinus Aurelius (354 – 430).

 

Vor einigen Jahren machte ich die Ausbildung zum Counselor, Beraterin auf Ebene der Humanistischen Psychologie. Eine Möglichkeit in diesem Bereich ist das tiergestützte Counseling. Deshalb brennt in mir schon seit längerem, meine Irish Terrier Hündin Scooby-Doo als Besuchshündin in Schulen einzusetzen. Ich traue Scooby-Doo diese Aufgabe zu, da sie bestens sozialisiert und sehr kinderlieb ist sowie über eine hohe Toleranzschwelle und keine Aggressionen verfügt. Darüber hinaus hat sie die Begleithundeprüfung und ich habe Sachkundenachweis abgelegt. Wir sind somit zu einem sehr guten Mensch-Hund-Team zusammengewachsen.

Eine Methode aus dem Counseling sind die „Cycles of Power“, ein den Menschen in seiner Entwicklung von der Geburt bis zum 21. Lebensjahr mit stärkenden Botschaften und Erlaubnissen unterstützendes Phasenmodell der Transaktionsanalytikerin Pamela Levin. Sie unterscheidet sie in die Kraft des Seins, Kraft des Tuns, Kraft des Denkens und Fühlens, Kraft der Identität, Kraft der Geschicklichkeit, Kraft der Neuorientierung und Erneuerung sowie die Kraft des Recyclings. Diese Methode scheint mir besonders geeignet, um die Idee des tiergestützten Counselings in Schulen umzusetzen.

 

Durch eine befreundete Lehrerin bekomme ich schnell Kontakt zur Schulleitung einer Grundschule mit inklusiver Ausrichtung. Der Schulleiter ist interessiert; das Pilotprojekt für Schule und mich ist in trockenen Tüchern. Wir legen die Zielvorgaben fest, den Kindern ein entspanntes Miteinander mit meiner Hündin zu vermitteln und es ihnen konkret im praktischen Tun mit Scooby-Doo zu ermöglichen. Die verantwortliche Lehrerin wählt aus 25 Kindern 10 Schüler und Schülerinnen aus der 3. und 4. Klasse im Alter von 9 und 10 Jahren aus, die schreiben und lesen können. Danach werden deren Eltern um das schriftliche Einverständnis gebeten, was sich bei den Eltern von 2 Kindern schwierig gestaltet. Sie äußern Ängste. Und die Emotion Angst nehmen wir als Aufhänger. Scooby-Doo schickt einen Brief mit Foto an die Schule:

 

Liebe Kinder,

mein Name ist Scooby-Doo. Ich bin eine Hündin und bin 3 ½ Jahre jung. Bald komme ich zu euch in die Schule. Ich freue mich, euch kennen zu lernen. Ein bisschen Angst habe ich aber schon. Ihr seid viele große Kinder. Ich bin viel kleiner als ihr. Aber wenn wir uns alle an Regeln halten, werden wir bestimmt Freunde. Ich freue mich darauf, mit euch zu spielen und zu lernen.

 

Freundliche Hundegrüße

Scooby-Doo

 

(Text aus dem Fachbuch „Der Schulhund“, nähere Angaben siehe Textende)

 

Wir wissen nicht, ob es nur an diesem Brief liegt, aber die 2 Eltern können umgestimmt werden, so dass wir mit allen 10 ausgewählten Kindern starten können. Wir legen uns auf insgesamt 4 aufeinanderfolgende Einheiten fest, davon je eine pro Woche über 1,5 Stunden mit der Option, dass ich mit Scooby-Doo jederzeit den Klassenraum verlassen darf, ehe sie müde und überfordert ist. Inhaltlich wollen wir die Themen Vierpfotenregeln, Hundeutensilien, Hundekörperteile und -haltung sowie Hundespiele sowohl theoretisch als auch praktisch mit den Kindern erarbeiten.

 

Nach einigen Wochen der Planung ist endlich der lang ersehnte Tag da. Ich betrete mit Rucksack auf dem Rücken und Scooby-Doo mit ihrem Wanderrucksack, sozusagen als „Schultüten“ für unseren 1. Schultag, den Klassenraum.

 

 

 

 

Es ist mucksmäuschenstill. Scooby-Doo ist an der Leine. Wir schauen in neugierige, aufgeregte, aber auch ängstliche Kinderaugen. Das Thema Angst ist spürbar, auch wenn es nicht verbalisiert wird.

 

Nach einer Begrüßungsrunde führen wir die 1. Regel ein. Scooby erhält einen Tabuplatz. Dorthin darf nur ich sie bringen, ablegen, versorgen, abholen oder abrufen. Ich richte ihr diesen Platz mit ihren Utensilien wie Hundedecke, Wassernapf und Spielzeug ein und binde sie an ihrer Leine fest als klares Zeichen: Jetzt darf der Hund nicht gestört werden und als Vertrauensgrundlage für die Kinder, dass Scooby-Doo sie in diesem Augenblick nicht ungewollt berühren kann.

 

Zunächst werden die Vierpfotenregeln mit großem Eifer erarbeitet und bleiben anschließend die ganze Zeit über sichtbar im Klassenraum hängen:

Zum Abschluss unserer 1. Schuleinheit dürfen die Kinder freiwillig Scooby-Doo berühren. Wir vereinbaren das Pfötchengeben als Abschiedsritual mit meiner Hündin an der Leine.

„Mut ist nicht die Abwesenheit von Furcht“, so lautet ein Zitat von Nelson Mandela.

Ein Mädchen, welches mit Down-Syndrom geboren wurde, zieht sich mit ihrer Betreuerin aus dem Sitzkreis zurück, setzt sich an einen Tisch und schaut sich das Prozedere aus geschützter, sicherer Entfernung an. Mut zur Verletzlichkeit und diese zuzulassen, bedeutet etwas Großes zu wagen. Das Mädchen hat das getan und gut für sich gesorgt! Alle anderen Kinder trauen sich und berühren Scooby-Doo das erste Mal. Diese ist aufgeschlossen, freudig und frei von Angst. Die Kinder haben Spaß daran, ihr fürs Pfötchengeben Leckerchen aus ihrer Hand zu reichen. Scooby-Doo meistert ihre 1. Schulstunde bestens.

 

 „Ich habe die Kinder selten derart diszipliniert, konzentriert und freudig engagiert erlebt; und vor allem noch nie so leise in der 5. und 6. Stunde. Wenn ich mir Ruhe wünsche, dann werden sie eher extra lauter, aber für Scooby-Doo sind sie leise“, so die Lehrerin.

Ich bin gleichfalls begeistert von den Kindern, die über das „Medium“ Hund die Einsicht bekommen, dass sie die Vierpfotenregeln einhalten müssen, damit sich meine Hündin in der Klasse wohl fühlt. 

 

Mit großer Freude und Begeisterung entwickeln wir das Projekt gemeinsam weiter. Ist Scooby-Doo in den ersten 2 Stunden noch an der Leine, so bewegt sie sich ab der 3. Stunde überwiegend ohne Leine frei um die Kinder herum. Das Vertrauen ist inzwischen bei allen Kindern gewachsen und hat sich gefestigt.

 

Das Allergrößte für die Kinder ist das gemeinsame Klettern mit ihr auf dem schuleigenen Abenteuerspielplatz. Da werden zwar nicht mehr alle Regeln strikt eingehalten, doch Scooby-Doo geht auch mit hektischen Kinderbewegungen begleitet von aufgeregten, lauten Stimmen gelassen um.

 

 

In der letzten Stunde stehen sich das Mädchen mit Down-Syndrom und Scooby-Doo Nase an Nase gegenüber. „Früher ist sie vor Hunden weggelaufen. Das ist für mich unfassbar, was hier gerade geschieht. Ihre Eltern sind von dieser Entwicklung ihrer Tochter begeistert“, so ihre Betreuerin.

 

„Jedes Mal, wenn die Menschen etwas entdecken, das für sie bedeutsam ist, geht es unter die Haut und es kommt im Gehirn zur Aktivierung der emotionalen Zentren.“ Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt hiermit genau das, was ich während des Projektes erlebt habe. Alle haben Freude am Lernen empfunden und dieses durch strahlende Gesichter und einer intensiven Zärtlichkeit gegenüber Scooby-Doo zum Ausdruck gebracht. Das Feuer konnte entfacht werden – dieses Pilotprojekt entwickelte sich zu einer berührenden Herzensangelegenheit.

 

Die definierten Ziele, den Kindern ein entspanntes Miteinander mit meiner Hündin zu vermitteln und im praktischen Tun konkret mit Scooby-Doo zu ermöglichen unter Einbeziehung der positiven Botschaften und Erlaubnisse der einzelnen Phasen der Cycles, sind erreicht. Grundlage dafür ist wahrscheinlich auch, dass alle unsere Besuche ohne Leistungsdruck verlaufen sind; und dadurch, dass Hunde ohne Vorurteile sind und ganz im Hier und Jetzt leben.

 

 

Was die Kinder an Scooby-Doo zu schätzen wissen, möchte ich am Ende meines Berichtes aufführen: „Du hast auf meine Kommandos gehört, z. B. Sitz und Platz. Du bist mit mir an der Leine gegangen. Ich durfte dir Futter geben. Du hast nicht gebellt. Du bist so süß, weil du mir Pfötchen gegeben hast. Ich hatte viel Spaß mit dir und du warst so brav. Du hast mit uns Rolle geübt und Pullover gesucht. Deine Augen sind so süß. Es war toll, mit dir zu spielen und du hattest keine Angst vor uns. Du bist so lieb.“

 

 

Für die Schülerinnen und Schüler gibt es einige Wochen später eine gelungene Überraschung. Ihre Lehrerin schreibt in ihr jeweiliges Abschlusszeugnis in Bemerkungen ein Extralob: „Du hast die Zeit mit Scooby-Doo toll mitgestaltet, hast dich ihr gegenüber vorbildlich verhalten und warst bereit, über Hunde viel zu lernen.“ Solche Einträge sind immer etwas ganz Besonderes und entsprechend glücklich und stolz sind alle Kinder am Ende ihres Schuljahres.

 

Literaturhinweise: „Der Schulhund – Eine Praxisanleitung zur hundegestützten Pädagogik im Klassenzimmer“ von Meike Heyer und Nora Kloke im Kynos Verlag

Pamela Levin „Cycles of Power: A User’s Guide to the seven Seasons of Life”, Paperback

 

In: tiergestützte -  Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen, Nr. 3, 2016

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